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Manga Awesome – Blue Exorcist (Vol. 1-17) – Review


Was in westlichen Medien bereits ein Klischée
ist, weil es zu häufig und oft gleich verwendet wird, kann in japanischen Medien noch relativ
unverbraucht wirken. So muss etwa ich bei Begriffen wie dem Vatikan, Satan
oder den Illuminati oft schon von vornherein mit den Augen rollen, wenn sie etwa in einer
amerikanischen Story auftauchen. Nicht aber, wenn plötzlich ein Manga einer japanischen
Autorin sich ausführlich etwa bei der jüdischen oder christlichen Mythologie
bedient: Hier ist Manga Awesome mit Kazue Katos Blue Exorcist. Blue Exorcist spielt im Wesentlichen in unserer
Gegenwart. Nur, dass es in dieser Welt eben Dämonen
gibt und Exorzisten ausgebildet werden, um eben diese zu bekämpfen. Protagonist dieser Geschichte ist Rin Okumura,
der mit seinem Zwillingsbruder Yukio am Heiligkreuz-Kolleg zu einem Dämonenbezwinger ausgebildet wird. Ach und kurz zuvor hat er erfahren, dass er
ein Sohn Satans und zur Hälfte selbst ein Dämon ist. Ich werde als Leser also mit dem temperamentvollen
Rin zusammen in diese ihm vorher unbekannte Welt geworfen, er konnte vor seinem dämonischen
Erwachen nämlich wie die meisten normalen Menschen auch Dämonen gar nicht erst wahrnehmen. Nach und nach lerne ich Rins neue Mitschüler
kennen, die Beziehung zu seinem deutlich ruhigeren und stets professionell wirkenden Bruder wird
vertieft, das Personal der Exorzistenschule eingeführt und erste Dämonen klassifiziert. Diese Exposition wirkt in Blue Exorcist leider
nicht immer elegant, oft werden Informationen nämlich mit unnatürlich wirkenden Dialogen
vermittelt. Sind diese ersten Schritte aber erst einmal
getan und die wichtigsten Begebenheiten etabliert, zeigt Blue Exorcist eine Stärke, die sich
durch die gesamten siebzehn bisher erschienenen Bände zieht: Die Charaktere. Mit Rin, Shiemi, Suguro, Yukio, Konekomaru
und Co. wird mir hier eine große, sympathische Gruppe vorgestellt, die anfangs teils so gar
nicht miteinander klar kommt. Und genau diese Dynamik bekommt Autorin Kazue
Kato richtig gut hin: Die Schüler müssen sich erst kennenlernen und zusammenwachsen. Manche der Charaktere wie etwa die distanzierte
Izumo oder der Frauenheld Shima waren mir zunächst regelrecht unsympathisch oder schlicht
egal, inzwischen haben sie so viel Tiefe bekommen und sich derart weiterentwickelt, dass sie
für mich nicht mehr aus der Truppe wegzudenken sind. Ein Thema, das sich durch mehrere der Hintergrundgeschichten
zu den Charakteren zieht, ist das der Familentraditionen und wie die ehemalige Verantwortung der Eltern
auf die Kinder übertragen wird und wie diese schließlich damit umgehen. Damit einhergehend, aber auch darüber hinaus,
gefällt mir die Charakterentwicklung der Hauptfiguren Rin und Yukio richtig gut – die
beiden Brüder geraten durch ihre gegensätzlichen Persönlichkeiten ständig aneinander, ihre
familiäre Herkunft und die Tatsache, dass nur Rin die Flammen Satans geerbt hat, sorgen
für zusätzliches Konfliktpotential, das auch entsprechend genutzt wird. Ebenfalls einprägsam sind viele der Nebencharaktere. Etwa Schuldirektor Mephisto Pheles, der durch
sein extravagantes Auftreten, seine offensichtliche Macht und scheinbare Allwissenheit sehr großes
Unterhaltungspotential bietet. Und das in mehrere Richtungen: Zum einen ist
er oft wirklich witzig, wenn er andere mit seiner eigenwilligen Art vor den Kopf stößt. Zum anderen geht von ihm aber auch eine Bedrohung
aus, ein Mysterium – er stiehlt vielen anderen Charakteren die Show. Auch wenn er vielleicht ein, zwei Mal zu oft
aus dem Nichts auftaucht, um eine brenzlige Situation aufzulösen. Andere wie etwa die Lehrerin Shura hinterlassen
dann wiederum wegen ihrem, nunja, unpassend freizügigen Stil einen erst eher negativen
Eindruck, der durch ganz ordentliche Charakterzeichnung ein wenig aufgefangen wird. Aber auch nur ein wenig, ihr Auftreten wirkt
auch in den späteren Bänden noch arg billig und aufgesetzt. Mit den Charakteren kriegt Blue Exorcist schon
mal einen der wesentlichen Stützpfeiler einer guten Geschichte hin, der auch schwächere
Säulen einer Erzählung durchaus tragen kann. Dazu zählen hier zum einen der Erzählfluss und zum anderen allgemeinen
der Aufbau der verschiedenen Handlungsbögen, mit denen Blue Exorcist so ein paar kleinere Problemchen
hat. Zu Beginn geht es hier noch primär um das
Training der Dämonenaustreiber, das oft dramatischere Ausmaße annimmt, als die Protagonisten vermuten. Wie auch in ähnlichen Geschichten a la Naruto
oder Dragonball eskaliert die Dramatik im weiteren Verlauf, mit einigen Atempausen zwischendurch. So weit, so normal. Blue Exorcist schwächelt aber ein wenig beim
Aufbau und Übergang der unterschiedlichen Situationen, in die Rin und Co. geworfen werden. Diese wirken nämlich oft sehr konstruiert
und wenig natürlich. Jetzt müssen die Schüler eine Aufgabe erfüllen,
in der sie Teamwork lernen. Hier muss jetzt Charakter X auf die Probe
gestellt werden. Und hier kommt jetzt die Pause mit einer kurzen,
harmlosen Alltagsgeschichte. Es wirkt manchmal ein wenig so, als könnte
ich durch die Panels hindurch das Reißbrett erkennen, auf dem die Handlungsstränge entworfen
wurden. Womit nicht gesagt sein soll, dass Blue Exorcist
vollkommen vorhersehbar ist, es wirkt nur eben manchmal zu bekannt und ein wenig künstlich
in seinem Handlungsaufbau. Teils hat das allerdings sogar seine Berechtigung,
da gerade anfangs die Geschehnisse quasi von fremder Hand gesteuert und so zumindest teilweise
meine Erwartungen untergraben werden. Richtig gut gefällt mir, wie moralisch ambivalent
diese Geschichte in Bezug auf seine großen Organisationen sein kann. Die aus dem Vatikan geführten Exorzisten
– ich weiß das klingt komisch, aber man gewöhnt sich dran – werden hier nicht als absolut
wohlwollende Macht dargestellt, genauso wenig sind alle Dämonen eindimensionale Monster
– ganz im Gegenteil. Wobei zumindest in einem Story-Arc ein Bösewicht
dabei war, der einfach nur böse war, um böse zu sein – und das auf eine sehr bekannte und
dadurch wenig spannende Art und Weise. Diese Art von Charakter ist aber die Ausnahme:
Bei einem großen Teil der Randfiguren hinterfrage ich auch jetzt noch die eigentlichen Motivationen
und Absichten und habe meine helle Freude am Spekulieren. Und ich weiß sehr zu schätzen, wie geschickt
Blue Exorcist Rückblenden in die Geschichte webt. Zum einen verliert sich der Manga nicht in
seinen häufigen Rückblicken, sondern hat immer etwas Relevantes zu erzählen, zum anderen
wird auch visuell durch schwarze Rahmen stets signalisiert, wann etwas in der Vergangenheit
spielt. Im Wesentlichen erinnert mich Blue Exorcist
an eine Mischung aus Supernatural, Harry Potter, Sailor Moon und Hellsing – und irgendwie funktioniert’s. Die Schüler des Exorzistenkollegs müssen
neue Fähigkeiten lernen und einsetzen, um stets stärkere Dämonen zu bezwingen. Da wird dann mit Schusswaffen wie Pistolen
oder Panzerfäusten, flammenden Schwertern oder sogar mal mit riesigen Zirkeln gekämpft,
mit denen Bann- und Beschwörungskreise gezogen werden. Und das ist schon ein bisschen cool. Die Kämpfe selbst sind schlicht gut, aber
auch nicht unbedingt der Fokus des Mangas. Obwohl ich sehr mag, wie unterschiedlich die
Exorzisten in den Kampf ziehen und wie dadurch eine Dynamik entsteht, wenn einer etwa einen
Bannvers rezitieren und die anderen ihn dabei beschützen müssen. Generell habe ich hier über die Zeichenqualität
wenig zu meckern. Nur nutzt Blue Exorcist eben einen Stil, der
für mich nicht groß heraussticht – das sieht halt alles durchaus gut aus und hin und wieder
gibt es sogar ein paar richtig schöne und detaillierte Umgebungsbilder und coole Posen. Und ich mag übrigens die kleinen kreisförmigen
Ausschnitte auf den Seiten, die Kapitel voneinander trennen: Hier verstecken sich oft sehr niedliche
und witzige Details. Exorzisten sind hier übrigens in sehr videospielige
Klassen wie Tamer, Knight oder Dragoon unterteilt und steigen Ränge auf, um schließlich zu
Erzrittern oder sogar zum Paladin zu werden. An dieses merkwürdige Universum, in dem zudem
noch verschiedenste religiöse Mythologien aufeinander knallen, musste ich mich erst
mal gewöhnen, was mir bis heute noch nicht so 100%ig gelungen ist, weil es manchmal ein
wenig beliebig wirkt, was mir Blue Exorcist gerade präsentiert. Ich meine mittendrin kamen hier plötzlich
mal Zombies dazu. Okay. Auch die Integration der restlichen Welt,
die von dem ganzen Dämonenkram nichts wissen soll, findet nahezu gar nicht statt. Bei den teils sehr einschneidenden Geschehnissen
dieser Geschichte, sollte man meinen, dass die Menschheit längst Bescheid weiß über
die Dämonenwelt, stattdessen soll das alles im Geheimen passieren. Nur wird das kaum aufgegriffen und bleibt
nicht ausreichend erklärt. Durch solche Dinge wirkt dieses Universum
ein wenig inkonsistent. Ein weiteres kleines Beispiel: Manche Exorzisten
verfügen über besondere Schlüssel, die von jeder beliebigen Tür zu bestimmten Orten
führen können. In brenzligen Situationen werden diese Schlüssel
aber ignoriert, nur um später plötzlich wieder aufzutauchen. An und für sich ein cooles Element, das die
Besonderheit und Andersartigkeit der Exorzistenwelt zeigt, aber es wirkt eben wenig durchdacht. Das gilt für vieles in dieser Geschichte:
Mir gefallen die einzelnen Elemente dieses Universum teils richtig gut, ich wünschte
nur, sie würden insgesamt besser ineinander greifen. Eine Sache, die mir wiederum durchgehend richtig gut gefällt
in Blue Exorcist, ist der Humor. Und, ich mein, das ist ein bisschen zweigeilt:
Manchmal lache ich ein bisschen über den Manga, wenn im Vatikan ein Exorzistenmeister namens
Arthur August Angel eine Rede hält. Aber meistens lache ich mit dem Manga und
mit den Charakteren, deren Interaktionen untereinander einfach sehr echt wirken. So würden auch echte Freunde miteinander
umgehen und die Situationskomik, die daraus entsteht, ist einfach richtig super. Wenn Rin und Yukio aneinander geraten, Direktor
Pheles den Otaku raushängen lässt oder Konekomaru vergeblich versucht, eine Situation zu schlichten,
ist das einfach richtig witzig. Dieser gelungene Humor trägt unmittelbar
zur starken Charakterzeichnung bei und verleiht dieser Story eine Sympathie, die mich immer
wieder zu ihr zurückholt. Ebenfalls sehr sympathisch sind die Bonusseiten
am Ende der Bände – da werden dann kleine, witzige Kurzgeschichten erzählt, Fragen der
Leser aus Sicht der Charaktere beantwortet oder wie in einer Enzyklopädie Charaktere
und Dämonen mit zusätzlichen Informationen gelistet. Auch das macht Blue Exorcist insgesamt noch
mal sympathischer. Ach und bevor ich es vergesse: Einen Anime
gibt es natürlich auch. Der Manga startete in Japan 2009, zwei Jahre
später folgte die Anime-Adaption, inzwischen gibt es sogar einen Film und nach einer längeren
Pause lief vor Kurzem die nächste Staffel der Serie. Davon habe ich allerdings nichts gesehen,
einen Vergleich zum Original kann ich euch hier also gerade nicht bieten. Mir hat Blue Exorcist wirklich Spaß gemacht. Ja, das Universum könnte kohärenter
sein und der Erzählfluss natürlicher wirken. Aber dafür weiß ich umso mehr zu schätzen, dass
sich dieser Manga insgesamt nicht allzu ernst nimmt. Und ich freue mich einfach, Zeit mit diesen Charakteren
verbringen zu können. Und ich will tatsächlich wissen, wie es weiter
geht, mit der Geschichte zwischen Yukio und Rin und mit den angedeuteten Machenschaften
der großen Organisationen im Hintergrund. Das soll es jetzt aber erst einmal gewesen
sein mit dieser neuen Folge Manga Awesome und Blue Exorcist: Ich kann euch diesen Manga durchaus
empfehlen, wenn euch die genannten Kritikpunkte nicht allzu sehr stören und ihr auf diese ganze Dämonenthematik steht. Ich würde mich freuen, wenn ihr wieder beim nächsten Mal mit dabei seid. Bis dahin: Vielen Dank für’s Zusehen und tschüss!

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